Samstag, 16. April 2016

Besser spät als nie

Wer mich und mein Leben von außen betrachtet, mag durchaus zu der Einschätzung gelangen, dass ich es zu nichts gebracht habe. Nun, bei konventioneller Betrachtungsweise kann das stimmen. Eine strukturierte Anordnung von Steinen habe ich nicht zu Wege gebracht, sprich, ich habe kein Haus gebaut. Karriere im Job gab es auch nicht; in der Firma befinde ich mich auf der untersten Hierarchie-Stufe und habe demzufolge nichts zu sagen und nichts zu entscheiden. Zur Vervollständigung der Liste sei noch hinzu gefügt: Ich habe auch keinen Sohn gezeugt und keinen Baum gepflanzt.

Jetzt, in einem Alter über 50 Jahre, könnte gewiss der Zeitpunkt gekommen sein, mit meinem Leben und vor allem dem bisherigen zu hadern. Das tue ich nicht.

Gefangen in einem aus Ängsten zerfaserten Geist konnte ich mich sehr lange nicht wirklich verorten. Ich konnte nicht sagen, wer ich bin, was ich will, hatte keinen Standpunkt und keine Haltung. Eigene Gefühle nach außen hin zu formulieren war schlicht unmöglich. Ich tat die Dinge, die von mir erwartet wurden und wenn es weh tat, gab es kein Aufbegehren. Die Welt erkunden, sie verändern zu wollen, das Leben leben, all das war nicht meins.
Meinen Beruf wählte ich nicht nach dem, was mir womöglich Spaß gemacht hätte, z.B. Computerprogramme schreiben, sondern allein nach Sicherheitsaspekten. Damals konnte ich mir einfach nicht vorstellen, dass eins mit Programmieren Geld verdienen könnte, ja, dieser Gedanke ist auch für mich heute so absurd wie unverständlich. Meiner Berufswahl lag also keine Ehrlichkeit zu Grunde und führte dann auch irgendwann zum Scheitern. Aus meiner heutigen Sicht war dieses Scheitern ein Glücksfall für mich. Das permanente Gefühl des Unwohlseins war die Feile, die meinen Ketten ihre Wirkung des Festhaltens genommen hatte, verbunden mit der Liebe eines Menschen, der mich danach aufgefangen hatte, konnte ich also ausbrechen.

Es gab auch bereits in meiner Schulzeit einmal die Situation des Aufbegehrens.
Üblicherweise gab es immer mal wieder Klassenfahrten. Die Schulklasse ist dann für meist eine Woche irgendwohin gefahren. Ich konnte beobachten, dass das für meine Mitschüler ein absolutes Highlight war. Sie alle freuten sich darauf, lange vorher schon, waren total aufgedreht. Für mich waren Klassenfahrten immer ein Graus. Warum das so war, blieb für mich unerklärlich, ich konnte es nicht formulieren und spürte einfach nur die Magenschmerzen, die das in mir erzeugte.
In der 12. Klasse war es dann mal wieder soweit. Es sollte nach Dänemark gehen. Und ich wollte es wieder nicht und dieses Mal habe ich nein gesagt; ich hatte es tatsächlich geschafft, meinem Lehrer gegenüber zu sagen, dass ich nicht mit fahren will.
Am Ende aber hatte er mich dann doch breit klopfen können und ich war mal wieder dabei. Ich möchte jetzt kein schlechtes Bild von diesem einem Lehrer erzeugen (er war übrigens der Beste, den ich je hatte). Er konterte meine Argumente und gewann am Ende. Und das konnte er tun, weil ich nicht ehrlich war. Meine Begründungen waren allesamt nur vorgeschoben. Wäre ich ehrlich gewesen, hätte ich keine Hard-Facts vorgetragen, sondern meine Gefühlslage. Im Asperger-Spektrum befindlich war es mir allerdings überhaupt nicht möglich, gefühlsmäßig zu interagieren und ich bin gescheitert.

Und heute?
Es geschafft zu haben, zu formulieren, zu zeigen was mir gut tut, mich selber akzeptieren zu können, zu wissen wer ich bin, wie ich gestrickt bin, Haltungen einnehmen zu können, all das empfinde ich als großartig, entspannend und lebenswert. Der zerfaserte Geist ist nun präzise geworden und ermöglicht damit weitere Entwicklungen. Die Länge des Weges und der Ursprungsort verschwinden im Hintergrund. Das Sein hat das Haben überholt.
Warum konnte das geschehen? Ich muss gestehen, ich weiß es selber nicht. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass ich es niemals lassen konnte, einfach nur so rum sitzen und meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Auch in den ärgsten Situationen haben mich Gedanken stets begleitet und diese Dauerhaftigkeit führte offenbar zu einer Kristallisation der Selbstreflexion. Das ist lediglich der Versuch einer Antwort. Vielleicht weiß ich ja eines Tages, wie es wirklich war.


Und in Gedanken habe ich ein Haus gebaut, in dem zu wohnen mir angenehm ist.Und wenn es auch im Job keine Karriere gab, in meinem Leben gab und gibt es sie.