Freitag, 23. Oktober 2015

Immer dieses Gezerre – Lass das!

Zuweilen ertappe ich mich doch glatt, auf meinen Geist stolz zu sein. Auf den eigenen Geist stolz sein … das lasse ich mir auf der Zunge zergehen und zerschelle dann auf ganz vielen Ebenen.

Was ist Geist überhaupt?
Gedanken, Vorstellungen, Erfahrungen, Meinungen, Wissen, Grübeln, Denken, Interpretationen, Unbewußtsein.
Ich schließe nicht aus, dass es da auch noch weit mehr geben mag.

Und wieso „mein“ Geist?
Bei dieser Frage wird es schwierig. Mit „mein Geist“ gehe ich ja davon aus, dass ich im Besitz von etwas bin. Kann das auf Geist zutreffen? Sehr sicher bin ich mir, dass ich mein Notizbuch und meinen Bleistift besitze, ich nutze diese Gegenstände jedenfalls dafür, wofür sie irgendwie geschaffen wurden. Bei Möbeln, einem Auto oder einem Computer sehe ich das ähnlich.
Aber wenn ich sage, mein Geist, bedeutet das ja, dass er zu mir gehört. Und da habe ich große Zweifel. Ich bezweifele, dass Geist und das eigenen Sein (Ich) mit Besitzverhältnissen erklärt werden kann auch wenn es den Anschein hat, dass beides unumwoben miteinander verknüpft ist. Ist es nicht!

Sehr gut kann ich einfach nur so dasitzen und nichts tun. Dass dabei nichts in meinem Kopf umhergeht ist sehr selten. Und das ist die Herausforderung: Einfach nur so dasitzen, nichts tun und auch überhaupt gar nichts denken, also den Geist auch nur so zum Rumsitzen animieren. Meiner ist dabei (wie bei vielen anderen Menschen wohl auch) ein Rebell. Um Inhalte geht es dabei gar nicht, Hauptsache irgendeine Aktivität findet statt. Eindrücke interpretieren, Meinungen entfalten, Sorgen machen, gute Ideen schlecht finden, Nörgeln, an was auch immer, beschweren und beklagen …

„Mein“ Geist zerrt mich durch die Gegend. Durch Gegenden, durch die ich gar nicht wirklich will.

Ich will das nicht.

Was kann ich dagegen tun? Austrocknen? Keine schlechte Idee. Vor geraumer Zeit habe ich beschlossen, mich der aktuellen Nachrichtenlage zu entziehen. Fernsehen schaue ich schon lange nicht mehr, Zeitungen werden von mir ignoriert. Das „Weltgeschehen“ geht quasi an mir vorüber. Falsch! Das Weltgeschehen und die Auswirkungen werden auch bei mir ankommen, nur das, was andere meinen, dass ich darüber wissen müsste und vor allem, was nicht, geht an mir vorüber.
Der Eindruck, ich sei desinteressiert kann entstehen. Bin ich aber nicht. Wenn ich auf Menschen treffe, wo auch immer, die mir aus erster Hand und für mich authentisch über etwas berichten können, bin ich ganz Ohr (kommt nicht so oft vor).

Das Weltgeschehen, das ich durch Nichtbeachtung ausblende ist das eine, meine eigene Welt zu betrachten wie sie ist, ist das andere. Ich bin nicht gezwungen, zu nörgeln, mich zu beklagen und alles ganz schlimm zu finden (obgleich so vieles sehr schlimm ist). Nur wie sage ich das meinem Geist? Ihn ständig zu hauen, weil er so blödes Zeugs macht? Ich las mal den Satz, der Geist ruht während der Meditation. Das ist ein neuer Aspekt und ein neuer Ansatz für mich.

Bin auf jeden Fall bestrebt und bemüht, dieses Gezerre auf ein Minimum zu reduzieren.



Samstag, 17. Oktober 2015

Jeder ist austauschbar

In unserem Unternehmen gibt es einen Abteilungsleiter, der es sich nicht nehmen lässt, in Teamrunden und auch Einzelgesprächen seinen Mitarbeitern zu verstehen zu geben, dass für sie (die Mitarbeiter) auch irgendjemand anders an ihrer Stelle arbeiten könnte.
Einigen Kollegen und vor allem Kolleginnen geht das an die Nieren. Offenbar fühlen sie das, was möglicherweise auch gemeint ist: Keine oder geringe Wertschätzung der eigenen Person und der geleisteten Arbeit.

Das wollen wir nicht, das will niemand. Wir treten an und erwarten Achtung, Respekt und Wertschätzung von den uns umgebenden Menschen. Diesen Anspruch dürfen wir auch einfordern, allerdings haben wir keinen Anspruch, dass er auch erfüllt wird.

Wie gehe ich jetzt mit so einem Menschen um, der mein Chef ist und der damit gewissermaßen über einen Teil von mir selbst verfügen darf, dem es sogar von mir gestattet wird, mich zu erniedrigen?

Mir persönlich würde hier die Analyse helfen.
Hier wurde mal wieder ein schwacher und ängstlicher Mensch nach „oben gespült“, der es verstanden hat, mit unserem System der Hierarchien Status für sich zu schaffen. Es obliegt nun an uns, diesem Mensch Macht über uns zu verleihen, indem wir z.B. Angst vor ihm haben. Ok, er könnte uns unseren Arbeitsplatz wegnehmen und das ist zumeist sehr übel. Im Angesicht dieses Übels (hier haben wir die Möglichkeit, zu bewerten, wie übel dieses Übel tatsächlich ist) ist es durchaus nicht falsch, sich über unsere eigene Freiheit bewusst zu werden. Und wir wissen alle, dass Freiheit mit Verzicht einhergeht: Entscheide ich mich für das eine, muss ich das andere lassen.

Von diesem Menschen werde ich offenbar nicht den Respekt erhalten, den ich erwarte. Das kann ich zur Kenntnis nehmen und entsprechend ablegen oder mich daran aufreiben. Welchen Vorteil könnte ich bekommen, wenn ich mich daran aufreibe? Keinen, ich käme nicht einen Schritt weiter.

Dieser Mensch hat Familie und Kinder. Gesetzt den Fall eines seiner Kinder würde aus welchen Gründen auch immer gestorben sein, wäre meine Anmerkung, jeder Mensch sei ersetzbar weder menschenwürdig noch zielführend; mit dieser Anmerkung begäbe ich mich in sein gedankliches Biotop, dass ich ja für mich selber nicht will.

Was ist denn nun die oder überhaupt eine Lösung?
Ich sehe den Abteilungsleiter als jemanden, der mich etwas lehrt:
Ich bleibe und leide.
Ich bleibe und lerne.
Ich gehe.

Mein Abteilungsleiter ist das nicht und niemand ist austauschbar.





Samstag, 10. Oktober 2015

Die Vergangenheit ruft an

Das Telefon klingelt.
„Hallo, hier ist der Horst.“
Stimmen kann ich mir gut merken, besser als vieles andere und ich wusste in der ersten Sekunde, das ist der Horst von damals. Ich hatte recht, das war er.
„Hallo Volker, da hab‘ ich dich doch noch gefunden. Wir wollen uns mal wieder treffen … “

Vor 33 Jahren wurden wir mit der Mittleren Reife in der Hand aus der Schule entlassen. Ein Teil des Lebensweges war abgeschlossen. Und abgeschlossen war leider auch die Verbindung zu Menschen, mit denen ich Tag für Tag im gleichen Raum saß und tolle und weniger tolle Themen lernte.

Der Teilnahme sagte ich spontan zu und im Anschluss wunderte ich mich über meine Spontanität sehr, weil sehr ungewöhnlich. Nun ja, das Treffen sollte ja erst in ein paar Monaten stattfinden.

Ich hatte einen Weg von 300 km und eine Übernachtung zu planen. Kleinigkeiten für die meisten Menschen, für mich jedoch schon eine kleine Herausforderung. Mir gelang die Herausforderung.

Die Lokalität befand sich mitten in dem Ort, in dem auch unsere Schule stand. Horst hatte gut organisiert. Ein Buffet, das für alle etwas bot und Getränke sowieso.

Die Hinreise war die Zeit der Überlegung. Wen kennst du? Wer sollte auf jeden Fall dabei sein? Erkennst du sie wieder?

Fast alle erkannte ich und mein fragendes Gesicht ergab auch sofort die Antwort. „Kerstin, wir hatten drei davon … “

Im Mainstream werden Klassentreffen ja gerne durch den Kakao gezogen a la „Hey, schaut her, ich habe dies und das geschafft … “  Diese Klischees gab es nicht.

Thomas bearbeitet den Erdhub für seine Werkstatt mit einem Spaten und wird von Horst gescholten, nicht einen Kleinbagger beschafft zu haben.

Sabine lebt mit ihrem Mann wieder im elterlichen Zweifamilienhaus.

Ulrichs Vater starb am Tag zuvor. Er kam von weiter weg als ich und er freute sich auf dieses Treffen seit Monaten.

Von Andreas weiß ich jetzt, was es mit Hundeallergien auf sich hat.

Wenn ich bei all diesen Menschen Stolz gespürt haben mag, dann war es immer Stolz auf die eigenen Kinder.

Das Treffen selber konnte ich mit einem guten Gefühl verlassen; ich lebe und hatte auch noch keinen Schlaganfall. Nicht alles, was ich tat, war offenbar grundverkehrt.