Freitag, 28. August 2015

Eine ziemlich verrückte Idee

Ich hadere ja schon recht lange mit meinem Job, empfinde ihn als stupide und nervtötend und von Entwicklung nicht einmal den Hauch einer Spur.
Ernsthaft hatte ich mich bereits mit dem Gedanken befasst, den Job aufzugeben und noch einmal zu studieren. Das sind halt so Sachen, die 50-jährige typischerweise so vorhaben. Ich muss gestehen, ich trau‘ mich nicht. Vor 15 Jahren, also mit Mitte 30 hatte ich schon mal alles gecancellt, habe mich zum SAP-Programmierer ausbilden lassen und bin gescheitert. Jetzt stelle ich mir vor, mit Mitte 50 auf den Arbeitsmarkt zu treten, zu winken und kund zu tun, hey ich bin, ich kann jetzt dies und das … mir fehlt irgendwie der Glaube daran, dass das funktionieren könnte.

Gerne lerne ich Neues und wenn es nach meinem Rhythmus gehen kann, lasse ich mich auch gerne darauf ein. Deshalb die Idee, statt eines Studiums eine qualifizierte Weiterbildung zu absolvieren. Angebote dazu gibt es reichlich. Viele habe ich mir auch genauer angeschaut und von einigen war ich recht angetan.

Dazu durchringen konnte ich mich nicht.
Die Kosten waren nicht der entscheidende Aspekt. Gedanklich befasste ich mich mit den interessanten Inhalten und ich überlegte weiter.  Außer beim Programmieren fällt es mir sehr schwer, mich nach vorgegebenen Strukturen zu verhalten. Ich kann nicht nach Noten Musik machen und auch nicht nach Rezept kochen. Die Möglichkeit der eigenen Variationen ist für mich offenbar zwingend notwendig.
Und so geht es mir auch mit dem Lernen. Ein von anderen vorgegebenen Lernplan vermag ich kaum einzuhalten.

Ich konsultierte mein Notizbuch und habe mal zusammengefasst, was mich so alles interessiert, was ich noch so gerne lernen möchte. Und dabei kam mir die Idee, aus meinen ganz eigenen Interessen einen eigenen Studienplan aufzustellen, quasi einen neuen Studiengang zu erfinden. Einen Namen hat dieser Studiengang noch nicht, bin aber dabei, auch diesen zu erfinden. Und irgendwann werde ich dann mal einen neuen Beruf erfinden.

Für meine Verhältnisse ist das alles schon ziemlich krass. Nur, dass es so krass ist, gibt mir die Motivation, das auch neben meinem stupiden Job durchzuziehen.


Wir sehen uns.

Sonntag, 23. August 2015

Hacking the System

Meine Großväter habe ich leider niemals kennen lernen können. Sie waren bereits beide vor meiner Geburt verstorben.

Beide Großväter lebten in einer Zeit, in der sie gestandene Männer waren, für ihre Familien sorgten und der Regierungschef Hitler hieß.

Die Weimarer Republik brachte sehr viele Parteien und Gruppierungen hervor. Die einen wollten die Republik und Gerechtigkeit („der gerechte Lohn“) für die arbeitenden Menschen. Andere wollten die Republik zerschmettern und zurück ins Kaiserreich. Die Weimarer Republik kam politisch gesehen, nie ins Reine mit sich selber.

Es gab z.B. die Deutsche Arbeiterpartei, DAP. Sie verfolgte ihrem Namen entsprechend die Interessen der arbeitenden Bevölkerung. Diese Partei war klein und eher unbedeutend im politischen Geschehen, wie viele andere auch. Der Gefreite und Postkartenmaler Adolf Hitler trat als 55. Mitglied in diese Partei ein. Er profilierte sich und seiner ganz genauen politischen Richtung wohl noch nicht so ganz klar nannte er die Partei um: Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, die NSDAP, die Nazis also. Zur damaligen Zeit hatte natürlich niemand ein Problem mit dieser Parteibezeichnung.

Die Weimarer Republik wurde ins kalte Wasser der Demokratie geschubst und wenige Beteiligte konnten damit entsprechend umgehen. Statt Argumente auszutauschen haute eins sich lieber. Die ganz Extremen bildeten sogar parteieigene Schutzeinheiten, damit der entsprechende Redner auf Versammlungen ungestört polemisieren konnte.
Extrem verfeindet waren die Kommunisten in Form der KPD und die Nazis als NSDAP. Funfact: Vergleicht eins die Parteiprogramme dieser so diametral gegenüberstehenden Parteien, würde sehr leicht erkennbar sein, dass diese Parteien aufgrund ihrer Programmatik sehr gut hätten koalieren können; aber das nur so am Rande.

Mein Großvater mütterlichseits interessierte sich für Politik und er wollte mit dabei sein. Er war Arbeiter, hatte sozialistische Ideen und Deutschland war ihm nicht unwichtig. Damit seine Leute ungestört ihre Ideen in Versammlungen kund tun konnten, war es ihm wichtig, sie zu schützen. Er beteiligte sich also an dem Saalschutz, der heute fast nur noch unter dem Kürzel SA (Sturmabteilung) bekannt ist.

Mein Großvater hatte niemals mit dem Denken aufgehört. Er vernahm, was gesagt wurde, interpretierte es und zog Schlüsse daraus. Eines Tages erwähnte er gegenüber meiner Großmutter, dass alles, was Hitler will, Krieg ist. Dabei wolle er nicht mitmachen.

Da bist du also in Nazi-Deutschland SA-Soldat und willst aussteigen. Mit einer reinen formellen Kündigung hätte das damals einfach nicht funktioniert. Die entstandenen Restriktionen für sich und der eigenen Familie wären unausdenkbar gewesen.

So toll, wie die Nazis alles erfasst, aufgeschrieben und organisiert haben, waren sie es nicht in allen Punkten. Mein Großvater zog mit seiner Familie in einen anderen Stadtteil und gab bei der Behörde nicht mehr an, dass er zur SA gehört. Diese Simplizität hat funktioniert und ist kaum zu glauben.

Die SA-Uniform tauschte mein Großvater gegen Nützliches.





Samstag, 1. August 2015

Chiara und die alte Abtei
Chiara Ravenna

Die Geometra Chiara erhält den Auftrag, im Süden Italiens eine verlassenen Abtei zu dokumentieren, weil diese unter Denkmalschutz gestellt werden soll. Die auf dem Weingut ihrer Eltern lebende Chiara macht sich mitten im heißen Sommer auf den Weg in das kleine Dorf Coresi und erfüllt ihren Auftrag.

Das ist der Rahmen eines Buches, das eher unspektakulär, leicht zu lesen und italienisches Ambiente verströmend daher kommt.

Als ich las, Italien und Abtei fiel mir sofort Ecos Name der Rose ein; doch dieses Buch hat damit überhaupt nichts zu tun, außer, dass es in Italien spielt und es auch um eine Abtei geht.

Tiefgang darf eins nicht erwarten und das schreibt die Autorin auch recht geschwind zu Anfang des Buches. Es ist eine leichte, fröhliche Sommer-Lektüre, die ich zu gerne in einem großen, etwas verwilderten Garten unter dem Schatten eines Baumes gelesen hätte, während die im Buch oft zitierte Sommerhitze um mich herum flimmerte.

Chiara ist der Typ Mensch, der mich immer wieder fasziniert. Sie hat es drauf, sich in atemberaubender Geschwindigkeit mit fremden Menschen bekannt zu machen und versteht es, die Hilfe dieser Menschen anzunehmen; etwas, das mir niemals gelingen wird.
Sie fährt einfach in das Dorf Coresi, ohne vorher klar gemacht zu haben, wo sie denn dort unterkommen könnte. Erste Anlaufstelle ist Francescos Bar, der ihr als alteingesessener Dorfbewohner umgehend eine Wohnung vermitteln kann.

Die Facetten der Abtei, um die es geht, umklammern die Handlungen des Buches. Eine lokale Baugröße möchte sie am liebsten abreißen, um dort ein gewinnbringendes Hotel zu errichten, andere forschen nach Schätzen und wiederum andere erforschen die Geschichte des Bauwerks.

Das mit den Schätzen hält Chiara für eine Legende und wird am Ende des Buches mit dem Gegenteil überrascht. Der Baugröße schlägt sie ein Schnippchen, indem sie en passant Beweise vorlegt, dass die Abtei eine Fundstelle für Archäologen ist und damit auf Jahre der Wissenschaft zur Verfügung zu stehen hat.

Und immer wieder Chiaras Restaurantbesuche. Wäre das Buch die ganze Welt oder ein eigener Kosmos, müsste eins diese Besuche als legendär einstufen. In einer ihr unbekannten Gegend gelingt es ihr, auf den Punkt genau die besten Restaurants zu finden. Nun ja, für mich ist das beeindruckend, für eine Italienerin, die hervorragendes Essen zu schätzen weiß, ist ihr das wohl in die Wiege gelegt worden. An Beschreibungen, was Menge und Qualität der Gerichte betrifft, mangelt es in keinster Weise. Auf mich erzeugte das den Eindruck: Das ist südländische Lebensart. Nach dem Lesen des Buches hatte ich das Gefühl, 3 kg zugenommen zu haben. Dass das nicht wirklich passierte ist schon klar und am Ende des Buches klärt die Autorin auch auf: Viel essen ist nicht gleich viel essen. Es geht um die Qualität und um die Art und Weise des Essens. Variantenreiches Essen wird genossen und das in der Zeit, die dafür erforderlich ist und dauert es auch drei Stunden.
Sehr interessant für mich war, dass sich die besten Restaurants dadurch auszeichnen, dass sie gar keine Menükarte haben. Eins geht hinein, lässt sich einen Tisch zuweisen und fragt nach Empfehlungen. So genial ich das empfinde, so sehr wäre ich irritiert, um nicht zu sagen verstört, wenn ich keine Menükarte vorfinden würde. Ich bin nun mal so gestrickt.

Mit Chiara und die alte Abtei durfte ich für kurze Zeit in eine andere mir fremde und doch angenehm wirkende Welt hüpfen. Der Schreibstil trug dazu bei, dass ich das Gefühl hatte, mich immer in Echtzeit neben Chiara und ihren Erlebnissen zu befinden.