Samstag, 25. April 2015

Keine Vorratsdatenspeicherung bitte
Eine E-Mail an Abgeordnete des Deutschen Bundestages


Sehr geehrte Frau Bundestagsabgeordnete!

Ich schreibe Ihnen zu dem anstehenden Gesetz zur Speicherung von Verkehrsdaten, bekannter unter dem Begriff  Vorratsdatenspeicherung.

Meinen Kenntnisstand dazu habe ich u.a. von der Internetseite der Bundesregierung, wo es heißt:
„Gespeichert werden insbesondere die Rufnummern der beteiligten Anschlüsse sowie Zeitpunkt und Dauer des Anrufs. Bei Mobilfunk werden auch die Standortdaten gespeichert. Ebenso werden IP-Adressen einschließlich Zeitpunkt und Dauer der Vergabe einer IP-Adresse vorgehalten. Diese Verkehrsdaten werden im Telekommunikationsgesetz genau bezeichnet. Emails sind von der Speicherung ausgenommen.“

Aus folgenden Überlegungen heraus, bin ich gegen die Einführung des Gesetzes:

Ganz gleich, wann, wo und von wem Daten gesammelt werden, diese Daten werden auch ausgewertet. So leistungsstark die entsprechenden Algorithmen auch sind, sie können allenfalls Korrelationen feststellen und sagen nichts über Ursache und Wirkung aus und spiegeln dementsprechend noch nicht einmal die Tatsachen.

Wir sind leider nicht die freie Gesellschaft für die wir uns gerne halten; Konformismus ist das, was uns auszeichnet und unser Leben und unsere Wünsche sind dem unterworfen. Es genügt, wenn bekannt wird, dass eins psychisch erkrankt ist und eins wird in diesem Land kaum noch einen Job bekommen.

Der depressive Pilot, der mit seinem Handeln Menschen tötete rief umgehend die Forderung nach Berufsverbot auf. So schlimm das auch war, wir werden uns gegen so etwas niemals schützen können; jeder Versuch, das durch Sammeln von Daten verhindern zu wollen, wird allerdings sehr wohl unsere Freiheit beschneiden. Psychisch erkrankte Menschen werden eher dazu angehalten, weiterhin leiden zu müssen, denn sich um Heilung zu bemühen. Und wenn schon ein Berufsverbot für psychisch kranke Menschen gefordert wird, sollten wir als Gesellschaft dafür sorgen, dass diesen Menschen medizinisch geholfen wird. Die medizinische Versorgung dieser Menschen ist in unserem Land nicht ausreichend vorhanden.

Auch Sie, Frau Bundestagsabgeordnete, sind Bürgerin dieses Landes und auch Ihre Kommunikationsdaten werden eingesammelt werden.
Wie alt ist eins in etwa, wenn eins Mitglied des Bundestages wird? Ich schätze, da ist eins so um die 40 Jahre alt. Bis zu diesem Alter wird es in dem Leben der meisten Menschen gewollte und auch nicht gewollte Ereignisse gegeben haben, die gegen einen als Kompromat verwendet werden könnten. Ich will politische Mandatsträger, die in ihren Entscheidungen unabhängig sind und auch nicht fürchten müssen, mit Einzelereignissen aus ihrem Leben kompromittiert werden zu können.

Ja, das werden Sie jetzt sicherlich einwenden können: Verkehrsdaten werden nur für 10 Wochen gespeichert und dann gelöscht werden. Meine Befürchtung ist, dass diese Daten nicht gelöscht werden oder dass in Zukunft lediglich eine Verordnung ausreicht, um den Zeitraum beliebig auszudehnen.
Ein Anruf bei der Telefonseelsorge in schwerster Not eines Menschen und das Leben ist auch ökonomisch ruiniert. Ich möchte das nicht.

In Ländern wie z.B. Frankreich konnten wir sehen, dass eine Vorratsdatenspeicherung Terrorismus nicht verhindern kann. Die Aussage der Bundesregierung, dass Vorratsdatenspeicherung Deutschland sicherer macht, halte ich nicht für belastbar. Niemand, der dieses Gesetz bislang gefordert hat, war in der Lage, einen Nachweis zu führen, dass damit Sicherheit gewährt werden kann.


Meine Bitte an Sie: Lehnen Sie das Gesetz ab.



Und hier eine Antwort:





Eine weitere Antwort vom 18.05.2015 (per E-Mail):

Sehr geehrter Herr ...

vielen Dank für Ihre Nachfrage zur Vorratsdatenspeicherung.

Momentan befinden wir uns noch nicht im parlamentarischen Verfahren. Lediglich wurden seitens der Bundesministerien für Justiz und für Inneres Leitlinien für eine Mindestspeicherfrist von Daten angesprochen.
Um eine Beurteilung und Entscheidung vornehmen zu können, benötige ich jedoch einen konkreten Gesetzentwurf, über dessen Inhalt ich dann anstimmen kann. Diesen gibt es zurzeit noch nicht. Ich kann deshalb zum jetzigen Zeitpunkt keine Aussage zu meinem Stimmverhalten machen.

Wir haben seitens der SPD Lübeck und der SPD Schleswig-Holstein weitreichende Beschlüsse gefasst, die die Speicherung von Daten sehr kritisch sehen und eine klassische Vorratsdatenspeicherung ausschließen.
Sobald also Vorschläge greifbar sind, werde ich prüfen, ob diese mit meinem Gewissen als Bundestagsabgeordnete vereinbar sind. Als Mitglied der Lübecker SPD spielen die aktuellen Beschlusslagen dabei eine wichtige Rolle für meine Entscheidung. Auch daran werde ich einen wie auch immer gearteten Gesetzentwurf messen und prüfen.


Mit freundlichen Grüßen



Freitag, 24. April 2015

Das Ziegenproblem

Die US-amerikanische Kolumnistin und Schriftstellerin Marilyn vos Savant[1] veröffentlichte im Parade Magazine folgende Denksportaufgabe:

„Sie nehmen an einer Spielshow im Fernsehen teil, bei der Sie eine von drei verschlossenen Türen auswählen sollen. Hinter einer Tür wartet der Preis, ein Auto, hinter den beiden anderen stehen Ziegen. Sie zeigen auf eine Tür, sagen wir Nummer eins. Sie bleibt vorerst geschlossen. Der Moderator weiß, hinter welcher Tür sich das Auto befindet; mit den Worten ‚Ich zeige Ihnen mal was‘ öffnet er eine andere Tür, zum Beispiel Nummer drei, und eine meckernde Ziege schaut ins Publikum. Er fragt: ‚Bleiben Sie bei Nummer eins oder wählen Sie Nummer zwei? ‘ “[2]

Nun, der Kandidat hat ja jetzt nur noch zwei Auswahlmöglichkeiten, die Chance ist also 50:50; er kann die Tür wechseln oder es auch sein lassen. So dachte ich auch, als ich von der Aufgabe las.

Marilyn schrieb in ihrer Kolumne, dass für den Kandidaten die Chancen steigen, wenn er wechseln würde, sich also für Tür zwei entscheidet. Das Wechseln erhöht die Gewinnchance auf 2/3!
Und damit erzeugt sie so etwas wie einen Shitstorm. Selbst namhafte Mathematiker warfen ihr Dummheit vor, verfassten Beweise und wollten und / oder konnten sich ihrer Entscheidung nicht anschließen.

Jetzt könnte ich hier (so ich es denn könnte) einen Wust an formal-mathematischen Ausführungen anführen, um zu zeigen, dass Marilyn Recht hat. Es geht allerdings auch anders, einfacher, mit normaltypischen Überlegungen (vielen Dank dafür an Gerd Gigerenzer [3]).

Zur Lösung gelangt eins, wenn die Aufgabe erweitert wird, ohne dass es zu faktischen Änderungen kommt. Wir bleiben bei den drei Toren, einem Preis und zwei Ziegen. Wir ergänzen lediglich den einen Kandidaten auf drei und wir machen eine Zeichnung:












Würden sich Kandidat A und C umentscheiden, hätten sie gewonnen. Würde sich Kandidat B umentscheiden hätte er verloren. In 2 von 3 Fällen führt die Umentscheidung also zum Gewinn.
Marilyn hat also Recht!




[2]:        Das Ziegenproblem, Gero von Randow, rororo, 3. Auflage, Seite 9

[3]:        Risiko, Gerd Gigerenzer, C. Bertelsmann



















Donnerstag, 2. April 2015

Hackerspace at home

Der Begriff Hacker ist meiner Beobachtung nach negativ konnotiert. Das sind Leute, die in anderer Leute Computer und Netzwerke einbrechen, um schlimme Dinge zu tun. Dafür gibt es allerdings ein geeigneteres Wort, nämlich Cracker; um die geht es hier nicht.

Was Hacker und deren Selbstverständnis sehr pointiert beschreibt, ist ein Zitat von Wau Holland: „Ein Hacker ist jemand, der versucht einen Weg zu finden, wie man mit einer Kaffeemaschine Toast zubereiten kann.“
Hacken geht also sehr viel weiter als Computer und Software zu manipulieren; Hacken kann sich auf alle Aspekte des Lebens beziehen, wenn es darum geht, Dinge und Situationen anders zu verwenden als es ursprünglich gedacht war.

Orte, an denen sich Menschen treffen, die so etwas betreiben – sei es in technischer, wissenschaftlicher oder künstlerischer Richtung – werden auch als Hackerspace bezeichnet. Sie gibt es weltweit, in Deutschland meist in den größeren Städten wie Berlin und Hamburg und ich glaube, sie gibt es auch an wesentlich mehr Orten, als die Wikipedia aufzulisten vermag.

Ich war auch mal in einem Hackerspace und das war damals, zuhause und der Hacker war mein Vater.
Mein Vater war der leibgewordene Techniker durch und durch. Wer in den Fünfzigern des letzten Jahrhunderts im Ruhrgebiet aufwuchs, konnte sich mit einer sehr großen Wahrscheinlichkeit als Bergmann (Kumpel) in einer der damals noch zahlreichen Zechen nach dem Schulabschluss wieder finden. Die Familie meines Vaters hatte diesen Plan. Er schaffte es, ihn zu durchkreuzen und begann eine Lehre als Elektriker. Die nach drei Jahren bestandene Gesellenprüfung war dann auch die höchste Bildungsstufe meines Vaters (konventionell gesehen).

Weitere Lehranstalten oder gar eine Universität besuchte er nicht. Am Ende seines Berufslebens arbeitete er in einem Unternehmen in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung als DER Elektroniker; er hat da ziemlich krasse Sachen entwickelt und dabei auch so einige Diplomanden auf ihren Weg gebracht.

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass bei uns zuhause mal Handwerker gewesen waren. Das wäre allerdings auch schwierig gewesen, da wir die meiste Zeit unseres Familienzusammenseins ökonomisch nicht so gut aufgestellt waren. Wenn es etwas zu erledigen gab, musste das halt selbst gemacht werden.

Als mein Vater mal arbeitslos war, nutzte er die Zeit, in das von uns gemietete Haus eine elektronisch-analoge Heizungssteuerung zu entwerfen und zu bauen mit der Wirkung, dass der Energieverbrauch um ein Viertel sank. Ich bin noch heute der Ansicht, dass es der Mühe wert gewesen wäre, das zu vermarkten, nur mein Vater war absolut kein Geschäftsmann und ich noch zu jung um das zu erkennen, geschweige denn, bei der Umsetzung helfen zu können.

Im Laufe der Zeit richtete er sich ein Elektronik-Labor ein. Die am Ende vorhandenen Messgeräte hätten einen Fünfstelligen Betrag gekostet (damals noch in DM), wären sie gekauft worden. Wurden sie jedoch nicht, sondern sie wurden alle selber zusammen gelötet. Das Wissen dazu las sich mein Vater an. Eine typische Situation war, dass wir abends alle im Wohnzimmer saßen und Fernsehen schauten, während mein Vater auf dem Sofa seine Sammlung an Elektronikzeitschriften durchblätterte; immer und immer wieder.

Auch ich fing an, mich für Elektronik zu interessieren. Das hätte was werden können, bei so einem Meister wie meinem Vater. Ich konnte ihn alles fragen und bekam auch immer gute Antworten, jedoch gab es nie die Situation, dass mein Vater mal zu mir sagte: „Komm, ich zeig dir mal was …“. Heute denke ich, das lag daran, dass er ein so begnadeter Autodidakt war. Er dachte wahrscheinlich so, dass das, was er sich beigebracht hatte andere genauso lernen können und ich war nicht so aufgestellt, um an ihn und andere Forderungen zu stellen, also etwas einzufordern.

Hingegen hatte mein Vater absolut kein Problem damit, dass ich sein Elektronik-Labor nutzte. Ich durfte die vorhandenen Bauteile für meine eigenen Schaltungen verwenden und es gab niemals Schelte, wenn ich auch mal einen teureren Transistor beim Löten verschmorte.

Das Interesse an der Elektronik verminderte sich bei mir als ich meinen ersten „Computer“ hatte: den ZX 81 von Sinclair. In der Bedienung / Programmierung dieses Gerätes ging ich richtig auf und es war etwas von dem ich das erste Mal mehr verstand als mein Vater. Tja, irgendwann hatte ich mal einen richtigen PC und für den ZX 81 keine Verwendung mehr. Mein Vater hat sich um ihn gekümmert und eine seiner ersten Aktionen war, ihm mehr Speicher zu verschaffen. Er lötete entsprechende Bauteile in den ZX 81 und es funktionierte – touché!

Das PC-Zeitalter meines Vaters begann nicht damit, dass er sich einen entsprechenden Computer gekauft hätte, obgleich das zu der Zeit finanziell möglich gewesen wäre. Er nahm sich die Zeit und sammelte alles einzeln zusammen. Vom Flohmarkt, von Kollegen, die irgendetwas nicht mehr brauchten … Der zusammengebaute PC funktionierte und jetzt war ich dran, meinen Vater bei der Einrichtung und beim Betrieb unterstützen zu können; ich fühlte mich dabei gut und hatte keineswegs ein überhebliches Gefühl. Wir hatten viel Spaß zusammen.

Nähe und Geborgenheit zu vermitteln war meinem Vater nicht gegeben. Er war immer fair, gerecht, gedanklich präzise und leise.

Lieber Papa: Ich denke gerne an dich.