Samstag, 21. Februar 2015

Sei so wie ich
               oder was ist Rassismus

Gerne höre ich Holgis Podcasts (Wrint). In einigen seiner Folgen hatte er – mehr so beiläufig – die These aufgestellt, dass wir ja alle Rassisten seien, er selbst hat sich nicht ausgeschlossen. Er zitierte ein gelesenes Buch mit Titel- und Autorangabe. Leider habe ich es versäumt, herauszufinden, welches Buch er genau ansagte (ich war mal wieder faul).

Was Ansichten und Einstellungen angeht, sehe ich bei Holgi und mir eine recht große Schnittmenge und bin schnell dabei, ihm in seinen Meinungen zuzustimmen. Nur bei der These zum Rassismus holperte es in mir. Ich bin doch kein Rassist, halte mich für aufgeschlossen und tolerant. Nee, Holgi, da irrst du dich, dachte ich mir.

Das Thema beschäftigte mich, ich dachte oft und viel darüber nach. Und das Ergebnis meiner Gedanken ist: Holgi hat recht.

Höre ich das Wort Rassismus denke ich meist, weißer Mann verachtet dunkelhäutige Menschen. Auch verachtet werden, Angehörige anderer Religionen, Ureinwohner von was auch immer. Ja nee, das tue ich doch gar nicht, fällt mir dabei immer ganz intuitiv ein. Ich begann, mich selber genauer zu beobachten.

Gehe ich durch die Stadt, morgens zur Arbeit durch den Bahnhof sehe ich sehr viele Menschen. Zu einigen kamen mir Gedanken wie, oh je, so hat eins doch nicht rumzulaufen oder du siehst aber ziemlich abgerissen und verlebt aus, bestimmt zu viel Alkohol getrunken. Und auf einmal wurde mir bewusst, dass ich ein Rassist bin. Es ist nicht so, dass ich die vorerwähnten Menschen ablehne, wenn ich darüber nachdenke. Sie sind halt so wie sie sind und gut ist. Nur ich muss erst nachdenken, es muss in mir ein kognitiver Prozess stattfinden, um meinen ersten Eindruck zu revidieren.


Wenn eins der Ansicht ist, dass nur die Menschen gut sind, die so sind wie ich meine, dass sie zu sein haben, ist eins ein Rassist. Und solange in mir ein kognitiver Prozess zur Korrektur meines ersten Eindrucks stattfinden muss, solange bin ich Rassist. Leider.

Kommentare:

  1. Kein Rassist sein wollen und zur Erkenntnis kommen, dass man es doch ist ... da drängt sich die Frage auf, was ist der nächste Schritt? Zumindest in meinem Kopf drängt sich dies auf. Denn sonst gehst du (und ich und alle) morgen wieder durch den Bahnhof und siehst wieder die Menschen und den Alkoholiker und den Verlebten. Wie oder was bringt uns zu mehr Toleranz? Wollen wir überhaupt toleranter sein oder geniessen wir es, über andere schlecht zu denken um uns selber besser zu fühlen? Heisst Toleranz, dass man alle Menschen umarmen könnte? ;-). Kann ich Einfluss nehmen auf das, was es in meinem Kopf denkt? Oder liegt das nicht in meiner Macht? Ich habe mir oft Gedanken dazu gemacht. Einige Antworten gefunden, alle nicht. Was ist deine Meinung? Du kannst doch nicht einfach beim "Leider" stehen bleiben! :-)

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  2. Dass ich bislang beim "Leider" stehen geblieben ist, frustriert mich. Mit dem, was du geschrieben hast, gehe ich mit. Dass ist für mich allerdings noch nicht die Antwort. In der Hoffnung, über das "Leider" hinaus zu kommen, werde ich mich weiter damit befassen.

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